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ISSN 0947 - 8736

European Journal of Clinical Research


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Jo Eckardt

Berlin-Führungen

Bewegung im Alter



Die sich im Alter häufenden Erkrankungen des Bewegungsapparates, die mit Schmerzen und Behinderung assoziiert sind, können zum einen auf degenerative Veränderungen des Gelenkknorpels zurückgeführt werden. Ursächlich sind patienteneigene und biologische Faktoren, aber auch Risikofaktoren wie Übergewicht und Verletzungen. Gleichzeitig spielt ein parallel ablaufender Alterungsprozeß des Muskel- und Bewegungsapparates eine Rolle, der in erster Linie durch den Lebensstil, z.B. körperliche Inaktivität, beeinflußt wird und noch beschleunigt abläuft, wenn eine ungesunde Lebensweise beibehalten wird und Begleiterkrankungen vorliegen. Erkrankungen des Bewegungsapparates sind daher als Resultat biologischer, psychischer und sozialer Variablen zu verstehen.
Lebenserwartung steigt nur noch langsam

Eine Reihe dieser Variablen ist zu beeinflussen. Daher wurde in der "Compression of Morbidity Hypothesis" 1980 postuliert, daß es nach der Bekämpfung der Infektionskrankheiten und der dadurch erreichten Verlängerung der Lebenserwartung in diesem Jahrhundert darüber hinaus möglich sein müßte, den Beginn des Alterungsprozesses und die Entwicklung chronischer Erkrankungen zu verzögern. Mit anderen Worten: die Menschen würden älter und blieben gleichzeitig länger gesund. Zwischen 1980 und 1990 in den USA erhobene Daten zeigen allerdings, daß sich die Lebensgewohnheiten in diesem Zeitraum nur wenig änderten. Es wurde zwar weniger geraucht, und gleichzeitig nahmen Herz-Kreislauf-Krankheiten deutlich ab. Andererseits stieg aber der Anteil übergewichtiger US-Amerikaner; die sitzende, inaktive Lebensweise wurde größtenteils beibehalten. Die Lebenserwartung nimmt mittlerweile, vor allem in den höheren Altersgruppen, nur noch langsam zu und hat jetzt fast ein Plateau erreicht: Während die mittlere Lebenserwartung ab der Geburt zwischen 1977 und 1997 von 73 auf über 76 Jahre, also um gut drei Jahre zunahm, konnte die Lebenserwartung bei den über 65jährigen nur noch um ein Jahr, bei den über 85jährigen überhaupt nicht mehr gesteigert werden. Auch bei altersspezifischer Morbidität und krankheitsfreier Lebenserwartung wurden kaum Verbesserungen erreicht.

Das gilt allerdings nicht für alle Bevölkerungsschichten. Begünstigte Gruppen, d.h. die Oberklasse und die obere Mittelklasse, die eine optimale medizinische Versorgung haben und gesundheitsbewußt leben, bleiben bis in ein weit höheres Alter hinein von Krankheiten und Behinderungen verschont als sozioökonomisch weniger begünstigte Bevölkerungsschichten. Es ist allerdings zu erwarten, daß diese favorisierten Gruppen ab einem bestimmten Alter einen beschleunigten Alterungsprozeß durchlaufen, so daß die Morbiditätskurven beider Gruppen einander schließlich überlappen.

Gesundheitsbewußt leben zahlt sich aus

Die Frage, wie weit man die Manifestation von Behinderungen in ein höheres Alter verschieben kann, läßt sich mittlerweile anhand von zwei Studien beantworten. So die University of Pennsylvania Study mit 3091 Teilnehmern, die 1939/40 die Universität besucht hatten und seit 1968, als sie im Durchschnitt 69 Jahre alt waren, zunächst in mehrjährigem Abstand, ab 1986 regelmäßig auf Lebensgewohnheiten und Gesundheitszustand untersucht und befragt wurden. Die Probanden wurden anhand von Rauchgewohnheiten, Body Mass Index und körperlicher Aktivität verschiedenen Risikostrata - niedrig, mittel, hoch - zugeteilt und auf die Entwicklung von Behinderungen und auf Sterblichkeit hin analysiert. Das Ergebnis ist nicht überraschend: Der kumulative Behinderungs-Score war in dem Hochrisiko-Stratum doppelt so hoch wie im Niedrig-Risiko-Stratum (1 vs. 0,5). Definiert man eine minimale Behinderung als Behinderungs-Index von 0,1, so wurde dieser Schwellenwert im Niedrigrisiko-Stratum erst im Alter von 73, im Hochrisiko-Stratum dagegen bereits mit 66 Jahren überschritten.

Den Nutzen einer jahrelangen körperlichen Betätigung zeigt die Arthritis-Studie, in der 464 intensiv trainierende Langstreckenläufer und 155 Kontrollpersonen, die nie oder nur gelegentlich ein Lauftraining absolvierten, seit 1984 jährlich untersucht wurden. Das Ergebnis dieser Studie ist noch eindrucksvoller als das der University of Pennsylvania Study: Zeigte letzte für die verschiedenen Risikostrata - auf unterschiedlichem Niveau - einen parallelen Anstieg des Behinderungs-Scores, so wurde in der Arthritis-Studie bei den Kontrollen ebenfalls eine Zunahme dieses Scores bis zum Jahre 1997 demonstriert. Bei den Langstreckenläufern dagegen blieb der Score über diesen Zeitraum nahezu konstant. In dieser Studie konnte auch eine Dosis-Wirkungs-Kurve ermittelt werden: Um lange gesund zu bleiben, müssen Männer mehr als eine Stunde pro Woche, Frauen etwas weniger, laufen. Einen Behinderungs-Index von 0,05 erreichen solche Läufer 4,6 Jahre, einen Index von 0,1 erst 12,8 Jahre später als Nichtläufer.

Übereinstimmende Ergebnisse wurden mittlerweile auch in drei Studien anderer Arbeitsgruppen ermittelt. Damit liegen jetzt Daten vor, die belegen, daß köperliche Betätigung gesundheitlich sinnvoll ist und das Risiko späterer Behinderungen senkt. Dadurch müßten sich zukünftig auch Arztbesuche und Medikamentenausgaben verringern lassen.

 

Helmut G. Eckardt
nach einem Vortrag von
Prof. Dr. James Fries
Palo Alto/Kalifornien

Diese Seite wurde zuletzt am 19.12.2006 geändert