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ISSN 0947 - 8736 European Journal of Clinical Research
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Verlauf und Restitution von Kognitiven
Funktionen bei
Patienten mit Aneurysma-Rupturen E.
Irle, H.J. Kunert Psychiatrische Klinik, Georg-August-Universität, Göttingen Einleitung Es
ist seit langem bekannt, dass Subarachnoidalblutungen (SAB) klinisch ein
Korsakoff-Syndrom mit der bekannten Symptomtrias Orientierungsstörung,
anterograde Amnesie, und Konfabulation nach sich ziehen können (TALLAND et al.
1967; WALTON 1953). Glücklicherweise ist dieser Zustand jedoch bei vielen
Patienten transient. Die verbleibenden Patienten, bei denen die Störung
irreversibel ist, imponieren langfristig durch erhebliche anterograde Gedächtnisstörungen
(häufig eine globale Amnesie), sowie durch emotionale, motivationale, und Persönlichkeitsänderungen,
welche eine soziale Reintegration der Patienten erheblich erschweren können (LOGUE
et al. 1968; OKAWA et al. 1980; SENGUPTA et al. 1975). Gängigerweise wird
dieser Zustand als Syndrom der Anterioren kommunizierenden Arterie (Arteria
communicans anterior; ACoA) bezeichnet, da er bei Patienten mit Ruptur und
nachfolgendem Clipping eines Aneurysmas der anterioren kommunizierenden Arterie
am häufigsten beobachtet wird. Die
anatomische Basis des ACoA-Syndroms ist jedoch noch nicht vollständig geklärt.
Substantielle anterograde Gedächtnisstörungen können vermutlich schon durch
diffuse kleine ischämische Läsionen ausgelöst werden, welche sich eventuell
nicht mit der bei Aneurysma-Clipping üblichen CT-Diagnostik darstellen lassen (LINDQVIST
und NORLEN 1966; VOLPE und HIRST 1983). Jedoch wird von vielen Autoren darauf
hingewiesen, dass anterograde Gedächtnisstörungen auf Läsionen im Bereich des
basalen Vorderhirns, welches im Stromgebiet der ACoA liegt, rückführbar seien
(ALEXANDER und FREEDMAN 1984; DAMASIO et al. 1985; GADE 1982). Hierbei sind
insbesondere die cholinergen Zellgruppen Ch1-4 (MESULAM et al. 1983; SAPER und
CHELIMSKY 1984) relevant, welche sich im Septum, im diagonalen Band von Broca,
und in der Substantia innominata und in ventralen Bereichen des Striatums
befinden. Viele
Untersuchungen weisen jedoch darauf hin, dass ACoA-Patienten mit Gedächtnisstörungen
meist noch zusätzliche Läsionen aufweisen, so beispielsweise im frontalen
Cortex, im Fornix, im anterioren Hypothalamus, oder im Striatum (ALEXANDER und
FREEDMAN 1984; DAMASIO et al. 1985; PHILLIPS et al. 1987; STEINMAN und BIGLER
1986; VILKKI 1985). Bei Patienten mit Clipping eines ACoA-Aneurysmas sind auch Läsionen
im Neostriatum (Kopf des Nucleus caudatus) zu beobachten, welche am ehesten
Infarkten der Heubner’schen Arterie entsprechen (FUKAMACHI et al. 1987). Die
Untersuchung einer repräsentativen Stichprobe von Patienten mit Clipping eines
ACoA-Aneurysmas (IRLE et al. 1992a,b) ergab, dass nur Patienten mit kombinierten
Läsionen von basalem Vorderhirn und Neostriatum mnestische Störungen bzw.
sogar eine globale Amnesie aufwiesen, nicht jedoch Patienten mit singulären Läsionen
des basalen Vorderhirns oder des Neostriatums. Die Bedeutung zusätzlicher
frontaler Läsionen, oder zusätzlicher Läsionen im Septum oder Fornix kann als
eher gering eingestuft werden (ALEXANDER und FREEDMAN 1984; DAMASIO et al. 1985;
IRLE et al. 1992a,b; PARKIN et al. 1988). Ungeklärt
ist in diesem Zusammenhang weiterhin die neuropsychologische Bedeutung peri- und
postoperativer Komplikationen, obwohl das Ausmaß des initialen
Blutungsereignisses sowie peri- und postoperative Komplikationen immer wieder
mit neuropsychologischen Defiziten in Verbindung gebracht wurden (z.B. OGDEN et
al. 1993). Richardson (1989) fand
anterograde Gedächtnisstörungen mit dem postoperativen Vasospasmus assoziiert,
wohingegen andere Autoren keinen von ischämischen Prozessen unabhängigen
Einfluss des Vasospasmus auf neuropsychologische Parameter finden konnten (DeSantis
et al. 1989; Larsson et al. 1989;
Ogden et al. 1993).
Weitere Komplikationen wie z.B. Schwellung, Hydrozephalus oder Hirndruck
wurden in den bisherigen Studien nicht explizit berücksichtigt. Insbesondere
mnestische Störungen nach Ruptur und Clipping eines Aneurysmas der ACoA sind
sehr häufig. In der repräsentativen Studie von IRLE und Mitarbeitern (1992a)
wiesen 11 der 12 Patienten mit kombinierten Läsionen von basalem Vorderhirn und
Striatum massivste anterograde mnestische Störungen auf. Aus diesen Ergebnissen
ergibt sich die dringliche Frage nach dem Verlauf bzw. nach der möglichen
Restitution und Therapierbarkeit dieser schweren Störungsbilder. Methoden Patienten In
der vorliegenden Studie wird von 30 Patienten (11 Patienten mit ACoA-Aneurysmen
und 19 Patienten mit anderweitigen Aneurysma-Rupturen bzw. einer idiopathischen
SAB) berichtet, welche in der Neurochirurgischen Abteilung der Universitätsklinik
Göttingen behandelt wurden. Alle Patienten wurden zu 3 Messzeitpunkten (T1 =
direkt postoperativ, T2 = 6 Monate und T3 = 1 Jahr postoperativ)
neuropsychologisch untersucht. Alle Patienten befanden sich zwischen den
Messzeitpunkten T1 und T2 in einer stationären Rehabilitationsmaßnahme. Bei 16
Patienten wurde innerhalb dieser Zeit eine neuropsychologische Therapie durchgeführt.
Neuroradiologische
und klinische
Untersuchungen Prä-
und postoperative CT’s wurden in Anlehnung an die von FISHER und Mitarbeitern
(1980) entwickelten Kriterien ausgewertet. Folgende Aspekte wurden berücksichtigt:
Bluthauptverteilung, Schwellung, Massenverschiebung, Hydrozephalus,
Hirnvolumenminderung und fokale Läsionen. Bei allen Patienten wurden zu den
Nachuntersuchungsterminen (Meßzeitpunkte T2 und T3) Kontroll-CT’s durchgeführt.
Dopplersonographische Untersuchungen wurden im Rahmen der klinischen
Verlaufsuntersuchungen bei allen Patienten regelmäßig, d.h. täglich oder
mehrmals in der Woche durchgeführt. Dargestellt wurden die rechten und linken
Aa. cerebri anterior und media. Für die statistische Auswertung wurde der
Maximalwert der gemessenen Flussgeschwindigkeit (cm/s) über den gesamten
Untersuchungszeitraum berücksichtigt. Im
Hinblick auf die regressionsanalytische Einschätzung neurologischer Indikatoren
für kognitive Störungen und deren Erholung wurde eine Dichotomisierung der Prädiktoren
‘Komplikation’ (K), ‘HUNT und HESS’ (HUNT und HESS 1968) (HH) und ‘Läsion’
(L) nach folgenden Kriterien vorgenommen: ‘K’: Patienten mit geringen vs.
Patienten mit ausgeprägten Komplikationen (globale Schwellungen und/oder
Multiorganversagen und/oder Hirndruck und/oder Hydrozephalus); ‘HH’:
Patienten mit einem Aufnahmestatus <
II vs > III; ‘L’: Patienten mit vs
Patienten ohne fokale Läsionen. Hinsichtlich der TDS geht ausschließlich der
Maximalwert der über den gesamten Behandlungszeitraum gemessenen
Flussgeschwindigkeit (‘F’) in die Analyse ein. Neuropsychologische
Untersuchung Intellektuelle
Funktionen wurden mit Subtests des HAWIE-R (TEWES 1991) erhoben.
Aufmerksamkeitsfunktionen wurden mit dem Trail Making Test (REITAN 1958), dem
Farb-Wort-Interferenz-Test (BÄUMLER 1985) und Subtests der computergestützten
Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung (ZIMMERMANN und FIMM 1993) geprüft.
Zur Überprüfung der verschiedenen Gedächtnisfunktionen wurde die Wechsler
Memory Scale-R (WECHSLER 1987) verwendet, im weiteren das Selective Reminding (BUSCHKE
und FULD 1974), sowie ein Paarassoziationslernen mit semantisch interferierenden
Wortlisten (KINSBOURNE und WINOCUR 1980). Visuelle Funktionen wurden mit dem
Benton Facial Recognition Test und
dem Line Orientation-Test (BENTON et al. 1983) erhoben. Emotionale und Persönlichkeitsvariablen
wurden mit der Kurzform der Eigenschaftswörterliste (JANKE und DEBUS 1978) und
einer Kurzform des Minnesota Multiphasic Personality Inventory (GEHRING und
BLASER 1989) erhoben. Ergebnisse Neuroradiologische
Ergebnisse und Gruppeneinteilung
ACoA-Patienten Von
den 11 ACoA-Patienten wiesen 5 Läsionen des basalen Vorderhirns und des
frontalen Cortex auf. Bei jeweils einem Patienten wurden hypodense Areale des
basalen Vorderhirns, bzw. Kombinationsläsionen des basalen Vorderhirns und des
rechtslateralen frontalen, temporalen und parietalen Cortex festgestellt. Vier
Patienten weisen keinerlei sichtbare Läsionen auf. Patienten
mit Aneurysmen anderer Lokalisation, bzw. einer idiopathischen SAB Neun
der insgesamt 14 Patienten mit Aneurysmen anderer Lokalisationen wiesen fokale Läsionen
auf. Die Läsionsareale beziehen sich bei 2 Patienten auf den frontalen und bei
weiteren 4 Patienten auf den temporalen Cortex. Bei einem Patienten wurde
ausschließlich eine Hypodensität im basalen Vorderhirn festgestellt.
Kombinationsläsionen des frontalen und temporalen sowie des basalen
Vorderhirns- und Striatums wurden jeweils einmal festgestellt. Bei den
restlichen Patienten konnten keine fokalen Läsionen festgestellt werden. Neuropsychologische
Ergebnisse
Verlauf
der kognitiven Funktionen und Effekte von neuropsychologischer Rehabilitation
In
der ersten Untersuchung (T1) erbringen die ACoA-Patienten in den Gedächtnistests
geringere Testleistungen als die Patienten mit Aneurysmen anderer Lokalisationen
oder einer idiopathischen SAB. Die Prüfung basaler visueller
Wahrnehmungsfunktionen im Line Orientation Test sowie im BFRT ergab ebenfalls
geringere Testleistungen der ACoA-Patienten, deren Leistungen zudem mehr als 1.4
Standardabweichungen unterhalb des Mittelwerts der jeweiligen Normstichprobe
liegen. Der Handlungs-IQ der ACoA-Patienten fällt im Verhältnis zum Verbal-IQ
deutlich niedriger aus und liegt ebenfalls 1.4 Standardabweichungen unter dem
Mittel der jeweiligen Normstichprobe. Auffallend sind die höheren Depressions-
und Psychopathie-Werte im MMPI-K sowie die höheren Werte in den EWL-Faktoren
Aktivität, Müdigkeit und Erregtheit/Ärger der ACoA-Patienten. Nach
einem Jahr (T3) fallen die deutlich geringeren Gedächtnisleistungen der
ACoA-Patienten im Vergleich zu den anderen Patienten auf (vgl. Abb. 1). Das
gleiche trifft auch für den Bereich der Aufmerksamkeit zu, wenngleich hier auch
die Leistungen der Patienten mit anderen Aneurysmen oder idiopathischer SAB als
defizitär eingestuft werden müssen. Auch im psychopathologischen Bereich und
im Bereich der emotionalen Befindlichkeit müssen alle Patienten zum Zeitpunkt
T3 noch als mehr oder weniger auffällig eingestuft werden. Patienten,
die zwischen den Messzeitpunkten T1 und T2 eine stationäre Rehabilitationsmaßnahme
mit neuropsychologischer Therapie durchlaufen hatten, profitierten im
Aufmerksamkeits- und Gedächtnisbereich deutlich von dieser Therapie (vgl. Abb.
2). Jedoch muss einschränkend gesagt werden, dass viele Patienten mit
ACoA-Aneurysmen zum 3. Messzeitpunkt diesen Therapieeffekt wieder eingebüßt
haben (vgl. Abb. 1). Prädiktoren
der kognitiven Leistungen
Eine
signifikante Bedeutung des Prädiktors ‘Läsion’ über die drei
Messzeitpunkte besteht in den Testverfahren Mosaik-Test, Trail-Making-Test,
sowie hinsichtlich einiger Subtests der Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung
(TAP). Die
Prädiktoren ‘Flussgeschwindigkeit’, ‘Komplikation’ und
‘HUNT und HESS’ zeigen einen signifikanten Bezug zu den Gedächtnisleistungen
der Patienten, der allerdings über die drei Untersuchungszeitpunkte nicht
konstant ausfällt. Auffallend ist der signifikante Anteil an erklärter Varianz
der ‘Flussgeschwindigkeit’ im Hinblick auf die Gedächtnistests Selective
Reminding und Paar-Assoziationslernen zum ersten Untersuchungszeitpunkt. Der Prädiktor
‘Komplikation’ zeigt im Gegensatz zu den Prädiktoren
‘Flussgeschwindigkeit’ und ‘HUNT und HESS’ einen deutlichen Bezug zu den
Reaktionszeiten in den TAP-Untertets ‘Reaktionswechsel’ und ‘Geteilte
Aufmerksamkeit’ und erzielt allein 35% Varianzaufklärung im Hinblick auf die
Bearbeitungszeit im TAP-Untertest ‘Reaktionswechsel’ zum dritten
Untersuchungszeitpunkt . Diskussion Art
der kognitiven Störungen bei Patienten mit ACoA-Aneurysmen Schon
zum 1. Messzeitpunkt (T1) fallen die deutlichen von ACoA-Patienten hinsichtlich
der Fähigkeit, gedächtnisrelevante Informationen zu strukturieren und in einem
stabilen Langzeitgedächtnisspeicher zu verankern (Selective Reminding) auf. Zum
Zeitpunkt der zweiten Nachuntersuchung (T3) fällt der Langzeit-Gedächtnisquotient
der ACoA-Patienten unterdurchschnittlich aus (< 85, WMS-R: Langzeit-Quotient)
und liegt mit über einer Standardabweichung Differenz unter den, gegenüber der
Normpopulation, durchschnittlichen Leistungen von Patienten mit anderen
Aneurysmen bzw. einer idiopathischen SAB (vgl. Abb. 1). Zusätzlich besteht eine
Leistungsdifferenz der ACoA-Patienten zwischen ihren durchschnittlichen
allgemein-intellektuellen Leistungen und unterdurchschnittlichen Gedächtnisleistungen,
was ein amnestisches Störungsbild ein Jahr postoperativ verdeutlicht. Auf
eine spezifische Störung der mnestischen Informationsverarbeitung der
ACoA-Patienten verweist auch deren erhöhte proaktive Intrusionsneigung. Eine
ausgeprägte proaktive Intrusionsneigung wurde zuvor bei Korsakoff- (z.B. IRLE
et al. 1990; KINSBOURNE und WINOCUR 1980) und Alzheimer-Patienten (FULD et al.
1982, IRLE et al. 1990), aber auch bei ACoA-Patienten mit Läsionen des basalen
Vorderhirns und Striatums (IRLE et al. 1992a,b; siehe auch VAN DER LINDEN et al.
1993) gefunden. Als Ursache vermuten IRLE und Mitarbeiter (1992a,b) eine
gleichzeitige Beeinträchtigung des cortico-striatalen Systems ihrer
ACoA-Patienten. Entgegen früherer Annahmen einer primären Involvierung des
Striatums in prozeduralen Lern- und Gedächtnisprozessen wird somit auch eine
bedeutende Rolle des Striatums bei der Verarbeitung episodisch/deklarativer Gedächtnisinhalte
deutlich. In diesem Zusammenhang muss dem Nucleus caudatus, der in den gegenwärtigen
Modellannahmen zu den strukturellen und funktionellen Organisationsprinzipien
der Basalganglien als essentielle Komponente eines weitverzweigten Regelkreises
mit insbesondere topographisch angeordneten Bahnverbindungen zu dorsolateralen
und orbitofrontalen kortikalen Arealen angesehen wird (ALEXANDER et al. 1986),
eine besondere Bedeutung zugemessen werden. So fanden denn auch MENDEZ und
Mitarbeiter (1989) typische frontale Leistungsminderungen (Beeinträchtigungen
exekutiver Funktionen, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen) bei Patienten
mit Nucleus caudatus-Infarkten. Neuere
Studien verweisen darauf, dass basale Vorderhirnstrukturen auch an der
Modulation unterschiedlicher Aufmerksamkeitsprozesse beteiligt sind.
Insbesondere frontale und parietale Strukturen stellen als Projektionsareale des
basalen Vorderhirns wichtige Netzwerk-Komponenten einer hypothetischen
weitverzweigten kortikalen und subkortikalen Organisation unterschiedlicher
Aufmerksamkeitsprozesse dar (z.B. MESULAM 1990). So fanden VOYTKO und
Mitarbeiter (1994) in einer Studie an Makaken, dass Läsionen des medialen
Septums, des Nucleus basalis von Meynert und des diagonalen Bandes von Broca mit
spezifischen Beeinträchtigungen der Aufmerksamkeit assoziiert waren. Schließlich
fanden in einer pharmakologischen Studie mit dem Cholinesterasehemmer
Physostigmin an 22 Alzheimer-Patienten STERN und Mitarbeiter (1987), dass ihre
Patienten weniger im Gedächtnis- als vielmehr im Aufmerksamkeitsbereich durch
die Gabe dieses Pharmakons profitierten. Die
vorliegenden Ergebnisse lassen vermuten, dass Läsionen des basalen Vorderhirns,
das als wichtiges Segment einer hypothetischen diencephal-limbisch-corticalen
Gedächtnisschleife angesehen wird (MESULAM 1990), mit Beeinträchtigungen
frontaler kognitiver Verarbeitungsprozesse mit assoziiert sind. FREEDMAN und
CERMAK (1986) vermuten ebenfalls, dass über mnestische Störungen hinausgehende
frontale Störungen für die Ausbildung einer probaktiven Intrusionsneigung
entscheidend sein können. Da bei Korsakoff-Patienten gegenwärtig die Bedeutung
frontaler Störungen im Hinblick auf die proaktive Intrusionsneigung noch
strittig ist (JOYCE und ROBBINS 1991; KOPELMAN 1991), erhebt sich die Frage, ob
nicht auch unterschiedliche Ätiologien, wie z.B. basale Vorderhirnläsionen,
eine Alzheimer-Demenz oder ein Korsakoff-Syndrom zu dieser spezifischen
mnestischen Störung führen können, ein Aspekt, auf den schon VAN DER LINDEN
und Mitarbeiter (1993) verwiesen haben. Verlauf
der kognitiven Störungen Obwohl
bei allen Patienten über die drei Messzeitpunkte signifikante
Leistungsverbesserungen in nahezu allen kognitiven Prüfverfahren festzustellen
sind, die durch neuropsychologische Therapien noch deutlich verstärkt wurden
(vgl. Abb. 2), verweisen die vorliegenden Ergebnisse dennoch auf verzögerte
Erholungsprozesse bzw. sogar Leistungsabfälle der ACoA-Patienten vornehmlich im
Bereich der mnestischen Informationsverarbeitung (vgl. Abb. 1). Hier erscheint
es notwendig, zumindest Patienten mit schlechter Prognose einer weiterführenden
neuropsychologischen Therapie zuzuführen. In diesem Zusammenhang ist darauf
hinzuweisen, dass aufgrund der unter Läsionsaspekten inhomogenen ACoA-Gruppe
bedeutsame Unterschiede zwischen den Patienten verborgen sein könnten. Schon
RICHARDSON (1991) und TRAVEL und Mitarbeiter (1990) haben auf eine, infolge
unterschiedlicher fokaler Läsionen im Versorgungsgebiet der ACoA, beträchtliche
Variabilität der langfristigen Konsequenzen anterograder Gedächtnisstörungen
nach ACoA-Aneurysmen hingewiesen. Mit
der ausgeprägten proaktiven Intrusionsneigung der ACoA-Patienten sowie der
Schwierigkeit, Gedächtnismaterial zu organisieren und zu strukturieren, werden
insgesamt Beeinträchtigungen frontaler Verarbeitungsprozesse (STUSS und BENSON
1986) deutlich, die als typische kognitive Störungen infolge ACoA-Aneurysmen
angesehen werden (DELUCA 1992). Auf die Bedeutung frontaler Steuerungs- und
Regulationsprozesse im Hinblick auf die Erholung mnestischer und
Aufmerksamkeitsfunktionen infolge eines bilateralen paramedianen
Thalamusinfarktes (KUNERT und IRLE 1995) oder infolge einer Läsion striataler
und basaler Vorderhirn-Strukturen (WENIGER et al. 1995) wird seit kurzem verstärkt
hingewiesen. Da zudem die Spontanrückbildung und Therapieansprechbarkeit
kognitiver Störungen nach spätestens einem Jahr weitgehend abgeschlossen ist
(BOND und BROOKS 1978; CRAMON und ZIHL 1988), erscheinen die dauerhaften
mnestischen und attentionalen Minderleistungen der ACoA-Patienten um so
gravierender. Persönlichkeit und Emotion Emotionale
Veränderungen infolge ACoA-Aneurysmen wurden zwar häufig beschrieben, doch
konnte kein einheitliches Reaktionsmuster festgestellt werden. Beschrieben
wurden eine erhöhte Reizbarkeit, dysphorische Stimmungen, motivationale Veränderungen
und ein Verlust der Fähigkeit zur Selbstkontrolle (z.B. ALEXANDER und FREEDMAN
1984; LINDQVIST und NORLEN 1966, LOGUE et al. 1968). Die anatomische Basis
dieser emotionalen Veränderungen, ist allerdings noch unklar. IRLE und
Mitarbeiter (1992a) fanden, dass ACoA-Patienten mit Läsionen des Striatums
signifikant höhere Werte auf den MMPI-Skalen ‘Schizophrenie’,
‘Hypomanie’ ‘Psychasthenie’, ‘Psychopathie’ aufwiesen. In einer
Studie an Hirntumor-Patienten fanden IRLE und Mitarbeiter (1994), dass
ventromediale frontale Läsionen, die den heteromodalen und paralimbischen
Kortex, sowie häufig auch das basale Vorderhin betreffen, mit negativen
affektiven Zuständen (gemessen mit der EWL) assoziiert waren. Da in den
heteromodalen kortikalen Arealen der Input von unterschiedlichen unimodalen
Assoziationsfeldern (PANDYA und SELTZER 1982) und limbischen und paralimbischen
Strukturen konvergiert um, wie MESULAM (1985) vermutet, zu einer flexiblen
Verhaltenssteuerung zwischen internalen und externalen Bedürfnissen bzw.
Anforderungen zu gelangen, könnten infolge von Läsionen des heteromodalen
Kortex limbische und paralimbische Strukturen von höheren assoziativen
Verarbeitungsprozessen isoliert werden, was schließlich zu einer Imbalance des
‘emotionalen’ Systems führen könnte. Neurologische Indikatoren für
kognitive Störungen und deren Erholung Auffallend
ist die prädiktive Bedeutung hypodenser Areale (Prädiktor ‘Läsion’, Tab.
4) vornehmlich für Aufmerksamkeits- und Informationsverarbeitungsprozesse. Da
gegenwärtige Modellvorstellungen zu Aufmerksamkeitsleistungen ein
netzwerkartiges Zusammenwirken weitverzweigter Hirnregionen betonen (z.B.
MESULAM 1990), weisen Aufmerksamkeitsfunktionen somit eine hohe Verletzlichkeit
auf, da eine Vielzahl von Hirnschädigungen unterschiedliche
aufmerksamkeitsrelevante Strukturen beeinträchtigen können. Diese Störungen können
sowohl von globaler Natur, wie z.B. rasche Ermüdbarkeit und Konzentrationsstörungen
infolge eines leichten Schädelhirntraumas (TABBADOR et al. 1984), oder aber von
hoher Spezifität sein. Die
vorliegenden Daten geben in Hinblick auf die Prädiktoren
‘Flussgeschwindigkeit’, ‘Komplikation’ und ‘HUNT und HESS’ in Bezug
auf einzelne kognitive Funktionsbereiche kein einheitliches Bild. So wechselt
die Bedeutung dieser Prädiktoren zwischen den einzelnen kognitiven
Testverfahren und jeweiligen Messzeitpunkten. Auffallend ist allerdings die
Bedeutung des Prädiktors ‘Komplikation’ für Aufmerksamkeitsleistungen. Da
dem Prädiktor ‘Komplikation’ auch temporäre Hypodensitäten auf den CT’s
zum Zeitpunkt der stationären Behandlung zugeordnet wurden, welche auf lokale
oder generelle Schwellungen verweisen, sind gegebenenfalls über das Auflösungsvermögen
des CT’s hinausgehende diffuse Mikro-Läsionen zu vermuten, die auch
wiederholt für die unspezifischen kognitiven Leistungsminderungen von Patienten
mit unauffälligen CT-Befunden verantwortlich gemacht wurden (VILKKI et al.
1989; VOLPE und HIRST 1983). Da
von vielen Autoren (z.B. LJUNGGREN et al. 1985) eine infolge der initialen SAB
verursachte diffuse neuronale Schädigung, z.B. über einen infolge der
initialen Blutung verursachten kurzfristigen Zirkulationsstopp (GROTE und
HASSLER 1988), angenommen und mit den neuropsychologischen Störungen der
SAB-Patienten in Zusammenhang gebracht wird, sollte über die Berücksichtigung
des Aufnahmestatus nach HUNT und HESS ein indirekter Rückschluss auf die
Auswirkung des Blutungsereignisses auf neuropsychologische Funktionen gezogen
werden können. Die vorliegenden Ergebnisse lassen jedoch keine eindeutigen
Aussagen zu. Da allerdings im zeitlichen Verlauf, d.h. bis zur ersten
Nachuntersuchung (T2), ein deutlicher Einfluss des Prädiktors ‘Läsion’ auf
die neuropsychologischen Leistungen besteht, wäre denkbar, dass infolge
funktioneller Erholungsprozesse oder rehabilitativer Bemühungen der Einfluss
fokaler Läsionen auf spezifische neuropsychologische Funktionsbereiche im
zeitlichen Verlauf zurückgeht und letztlich nur noch ein ‘diffuser’ Faktor,
wie etwa durch den Aufnahmestatus nach HUNT und HESS charakterisiert, mit der
kognitiven Leistungsfähigkeit assoziiert ist. Ebenso ungeklärt ist die Bedeutung der Flussgeschwindigkeit in Hinblick auf spezifische neuropsychologische Funktionsbereiche 5. Neben dem zeitlichen Verlauf der Flussgeschwindigkeiten konnte insbesondere zwischen den Arterien nicht differenziert werden. Diese Aspekte wären insofern von Bedeutung um zu klären, ob eine spasmusbedingte Minderperfusion z.B. in den von der ACA versorgten Hirnstrukturen zu qualitativ ähnlichen neuropsychologischen Störungen führt wie nach fokalen Läsionen. LAUMER und Mitarbeiter (1993) fanden zwar, dass hohe Flussgeschwindigkeiten (> 120 cm/s) nicht grundsätzlich mit neurologischen Defiziten assoziiert sind und eine Prädiktion neurologischer Störungen durch die TDS nicht möglich ist, doch sollte berücksichtigt werden, dass neuropsychologische Testleistungen mit neurologischen Befunden nur schwach korrelieren (z.B. LJUNGGREN et al. 1985), und über die Bedeutung dopplersonographischer Befunde für neuropsychologische Funktionsbereiche aus den vorliegenden Daten nur vorläufige Schlussfolgerungen gezogen werden können.
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